32.768 kHz Quarz schwingt nicht

Warum schwingt mein 32.768 kHz Quarz nicht an?

Ursachenanalyse und Lösungen für das häufigste Problem in der Embedded-Entwicklung

Das Problem, das jeder Entwickler kennt

Die Schaltung ist fertig bestückt, der Mikrocontroller bootet – aber die Real-Time-Clock läuft nicht. Der 32.768 kHz Quarz schwingt nicht an. Oder schlimmer noch: Er schwingt manchmal an und manchmal nicht. Oder er schwingt an, setzt dann aber sporadisch aus.

Dieses Problem gehört zu den häufigsten und zugleich frustrierendsten Fehlerbildern in der Embedded-Entwicklung. Der 32.768 kHz Uhrenquarz ist ein elektrisch empfindliches Bauteil, das im Zusammenspiel mit einer schwachen Oszillatorschaltung arbeitet – und dieses Zusammenspiel kann durch zahlreiche Faktoren gestört werden.

Dieser Artikel analysiert systematisch die häufigsten Ursachen für Anschwingprobleme bei 32.768 kHz Quarzen und gibt konkrete Lösungsansätze für die Praxis.

1. Der ESR des Quarzes ist zu hoch für die Oszillatorschaltung

Häufigkeit: Sehr hoch – die Ursache Nr. 1

Der ESR (Equivalent Series Resistance) ist der effektive Serienwiderstand des Quarzes bei der Resonanzfrequenz. Er ist der wichtigste – und zugleich am häufigsten unterschätzte – Parameter bei der Auswahl eines 32.768 kHz Quarzes.

Die Oszillatorschaltung im Mikrocontroller muss genügend Energie aufbringen, um den Quarz zum Schwingen zu bringen. Der Betrag des negativen Widerstands (|–R|) der Oszillatorschaltung muss deutlich größer sein als der ESR des Quarzes. Das Verhältnis wird als Anschwingsicherheitsfaktor (Oscillation Margin) bezeichnet:

Anschwingsicherheitsfaktor = |–R| / ESR

Dieser Faktor sollte mindestens 5 betragen, besser 10 oder höher. Liegt er unter 3, wird das Anschwingen unsicher. Im Automotive-Bereich wird generell ein SF >=10 gefordert.

Warum ist das bei 32.768 kHz besonders kritisch?

Im Gegensatz zu MHz-Quarzen (typischer ESR: 20–60 Ω) haben 32.768 kHz Quarze einen ESR im Kiloohm-Bereich:

Gehäusegröße

Typ. ESR (max.)

Bewertung

3,2 x 1,5 mm / 2-Pad

70 kΩ

Unkritisch für die meisten MCUs

2,0 x 1,2 mm / 2-Pad

80 kΩ

Grenzwertig bei schwachen Treibern

1,6 x 1,0 mm / 2-Pad

90 kΩ

Kritisch – nur für MCUs mit starkem Treiber

1,2 x 1,0 mm / 2-Pad

100 kΩ

Sehr kritisch – Anschwingsicherheit sorgfältig prüfen

Gleichzeitig sind die 32.768 kHz Oszillatorstufen in modernen MCUs bewusst auf minimalen Stromverbrauch optimiert. Der typische negative Widerstand liegt bei vielen Low-Power-MCUs nur bei 200–500 kΩ.

Lösung:

Verwenden Sie einen Quarz mit möglichst niedrigem ESR. Bevorzugen Sie das 3,2 x 1,5 mm Gehäuse mit max. 50 kΩ. LRT-Schwingquarze (Low ESR Resonator Technology) bieten auch in kleineren Gehäusen deutlich niedrigere ESR-Werte als Standardquarze.

2. Falsche Lastkapazität (Load Capacitance Mismatch)

Häufigkeit: Sehr hoch

Jeder 32.768 kHz Quarz ist für eine bestimmte Lastkapazität (CL) spezifiziert – typisch 4 pF, 6 pF, 7 pF, 9 pF, 12,5 pF oder 18 pF. Eine Fehlanpassung ist eine der häufigsten Ursachen für Anschwingprobleme.

Die Lastkapazität ist die Gesamtkapazität, die der Quarz an seinen Anschlüssen „sieht“:

CL = (C1 × C2) / (C1 + C2) + Cstray

Wobei C1, C2 die externen Lastkondensatoren (falls vorhanden) und Cstray die parasitäre Kapazität (PCB-Leitungen, IC-Pins, typisch 1–5 pF) sind.

  • Lastkapazität zu gering: Der Quarz erhält nicht genügend Energierückkopplung → Anschwingen kann versagen.
  • Lastkapazität zu hoch: Die Schwingamplitude wird gedämpft, die Frequenz verschiebt sich nach unten, der Stromverbrauch steigt.

Lösung:

Verwenden Sie einen Quarz mit exakt dem CL-Wert, den das MCU-Datenblatt empfiehlt. Berechnen Sie externe Lastkondensatoren: C_extern = 2 × (CL – Cstray). Beispiel: CL = 7 pF, Cstray = 2 pF → C_extern = 10 pF pro Seite. (Kalkulation: 102/20+2=10pF je C_ext.). 

3. PCB-Layout-Fehler

Häufigkeit: Hoch – und oft schwer zu diagnostizieren

Der 32.768 kHz Quarz arbeitet mit extrem geringen Strömen (Nanoampere-Bereich). Jede parasitäre Kapazität und jede eingekoppelte Störung kann die Oszillation beeinträchtigen.

  • Zu lange Leiterbahnen: Jeder Millimeter addiert parasitäre Kapazität (ca. 0,5–1 pF/cm).
  • Digitale Signale in der Nähe: Taktleitungen oder SPI-Busse koppeln Störungen ein.
  • Massefläche direkt unter dem Quarz: Erhöht die parasitäre Kapazität bei Multilayer-PCBs.
  • Durchkontaktierungen im Quarz-Bereich: Wirken als Störungsantennen.
  • Flussmittelrückstände und Feuchtigkeit: Verursachen Leckströme – verstärkt bei niedrigen Temperaturen.

Lösung:

Quarz direkt neben den MCU-Pins (max. 5 mm), kurze symmetrische Leiterbahnen, Guard-Ring mit Masseaussparung unter dem Quarz, keine Signalleitungen zwischen den Quarz-Pins, PCB nach dem Löten gründlich reinigen.

4. Fehlender oder falscher Rückkopplungswiderstand

Viele MCU-Oszillatorschaltungen benötigen einen hochohmigen Rückkopplungswiderstand (Rf) parallel zum Quarz (typisch 5–15 MΩ). Er biast die Inverterstufe in ihren linearen Arbeitsbereich. Einige MCUs haben diesen Widerstand intern (STM32, nRF52, ESP32), andere erfordern ihn extern (einige MSP430-Varianten, bestimmte 8-Bit-MCUs).

Lösung:

Prüfen Sie im MCU-Datenblatt, ob ein externer Rf erforderlich ist. Falls ja: typisch 10 MΩ parallel zum Quarz. Falls das Anschwingen trotz internem Rf problematisch ist: externen 15 MΩ versuchen.

5. Überlastung des Quarzes (Drive Level zu hoch)

Der 32.768 kHz Stimmgabel-Quarz ist für eine maximale Ansteuerleistung von typisch 0,5–1,0 µW spezifiziert. Überschreitung führt zu Frequenzdrift, beschleunigter Alterung und im Extremfall zu mechanischem Bruch des Resonators.

In der Praxis tritt Überlastung auf, wenn kein Serienwiderstand (Rd) zur Begrenzung vorhanden ist.

Lösung:

Prüfen Sie, ob das MCU-Datenblatt einen Serienwiderstand (Rd) empfiehlt (typisch 47–470 kΩ). Messen Sie die Schwingamplitude: sie sollte 200–600 mV Spitze-Spitze betragen. Achtung: Verwenden Sie 10:1 Tastköpfe (10 MΩ) oder besser 100:1 – ein 1:1-Tastkopf belastet den Oszillator so stark, dass er stoppen kann!

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